Rasant, rasant - die 29. Weser-Tidenrallye

wtr 29 kNein, als wahrscheinlich zu erwarten war das außergewöhnlich hohe Tempo der Kanuten und Ruderer bei der 29. Weser-Tidenrallye nicht. Der 2. Juni 2018 war der erste mit Mitteltide, dazu blies auf der Weser zwischen Brake und Nordenham Wind der Stärke 3 aus Westsüdwest, der sich bremsend den Teilnehmerinnen und Teilnehmern entgegen stellte. Und doch waren die ersten Kanuten und Ruderer nach rund drei Stunden am Anleger von TURA-Kanusport angekommen. Es waren diesmal aber nicht nur die wenigen für ihre hohen Leistungen im Revier Bekannten, die die 44 Kilometer auf Weser und Lesum in so kurzer Zeit zurückgelegt hatten, nein, es war ein ganzer Pulk, der die Helferinnen und Helfer an Steg, Zapfhahn, Kuchenbüffet und Grill überraschte.

 

Doping jetzt auch im Kanu- & Ruder-Breitensport?     

Nein, für diese Schlagzeile gibt es keinen Anlass.

Der Reihe nach, und zurück nach Nordenham. Nachdem der Regen am Samstagmorgen die ersehnte Abkühlung gebracht und gegen 11:30 Uhr soweit nachgelassen hatte, dass nur noch vereinzelte Tropfen fielen, wagte ich einen Blick auf die Wetterstation am Hafenmeisterhaus: Wind aus Nordwest, Stärke 3. "Schiebewind?" fragte ich, ohne mir bewusst zu sein, dass ich laut gesprochen hatte, und so war ich der prompt erhaltenen Antwort wegen etwas verblüfft: "Der dürfte hoffentlich lange genug anhalten", dozierte ein älterer regenfest verpackter Kapuzenmann, "um die gegenüber den vorangegangenen Springtiden geringeren schiebenden Wassermassen der ersten Mitteltide in etwa auszugleichen." Ich richtete mich also auf "normal gute" Verhältnisse ein, und brachte mein Boot zu Wasser. Die "normal guten" Verhältnisse werden für mich in meinem 2012 erworbenen breiten Faltboot-Kurzzweier >JAN< bis zum damit erstmals anvisierten Goldziel bei TURA-Kanusport, so vermute ich, rund fünfeinhalb Stunden paddeln bedeuten. Und zwar mit schon fühlbar mehr als nur moderatem Krafteinsatz. Doch dafür fühle ich mich an diesem Samstag fit genug.

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Wind schräg von vorn und dennoch schnell unterwegs

Als ich mit den anderen 389 Gestarteten (gemeldet waren 390) etwa eine Stunde später auf der Weser angekommen war, hatte der Wind jedoch auf Westsüdwest gedreht und die drei Windstärken waren komplett. Bei Mitteltide gegen den bremsenden Wind?

Das konnte ja heiter werden. Und das wurde es auch tatsächlich unter dem vielfältigen Grau des Himmels. Denn ungeheure Wassermassen schossen mit solcher Gewalt stromauf, dass der Wind nur dort, wo das Wasser flach war, kurze steile Wellen zwischen 20 und 30 Zentimeter Höhe aufwerfen konnte.

wtr 29 unterwegsWo kam nur plötzlich all das Wasser her?

Schon während der Anfahrt nach Nordenham war mir aufgefallen, dass das Niedrigwasser auch unter Berücksichtigung der Springtide deutlich tiefer abgelaufen, und das Hochwasser nicht die entsprechend zu erwartende Höhe erreicht hatte. Die Erklärung dafür lag beim seit Tagen anhaltenden Ostwind. Erst in der Nacht von Freitag auf Samstag hatte der Wind auf westliche Richtungen gedreht. Plötzlich erinnerte ich mich an den blondgelockten Grundschullehrer Schmidt, der uns nach ausführlicher Erklärung den folgenden Merksatz mitgab:

"Der Ostwind bläst die Weser leer, der Westwind bringt mehr Wasser her",

Das Rätsel ist gelöst.  

Geschenkt gibt's dennoch nichts

Am meisten ist vom Gezeitenstrom zu profitieren, wenn es gelingt, mindestens bis Vegesack innerhalb der dritten, beziehungsweise vierten Stunde des Zyklus zu bleiben. Dafür ist je nach dem Verhältnis von Bootslänge zu -breite mehr oder weniger Krafteinsatz in Verbindung mit bestmöglicher Paddeltechnik notwendig.

Mit meinem >JAN< hatte ich, wie erwähnt, die Goldstrecke bisher noch nicht in Angriff genommen und war ziemlich gespannt, ob ich das geforderte Mindestdurchschnittstempo von 8,5 km/h würde erreichen und durchgängig halten können. Doch daraus, so zeichnete sich schon in Brake ab, würde wahrscheinlich nichts.

>JAN< war der hohen Strömungsgeschwindigkeit wegen flott zu bewegen und mit gut 9 km/h ebenso schnell wie die beiden Standup-Paddler. Das Tempo zu drosseln, etwa um Kräfte zu schonen, sah ich keine Veranlassung - nötigenfalls würden mich Vollkornkekse stärken. Der Wind hatte weiter auf Süd gedreht, die Silos an der Braker Stromkaje lieferten keinen Windschatten, und dennoch war die hohe Geschwindigkeit gut zu halten. Auf Höhe der Huntemündung schlief der Wind ganz ein, so dass es während der auf das Silberziel beim Kanu-Club Rönnebeck bis Vegesack folgende Spundwandpassage kaum Kabbelwasser gab. Vom Hafenfest in Vegesack war des Wetters wegen auf der Weser wenig zu merken, so dass sie hinter der Fähre problemlos zu queren, und die Fahrt auf der Lesum ohne störende Wellen fortzusetzen war.

Geschafft!

Am Anleger von TURA-Kanusport herrschte geschäftiges Treiben. Obwohl Boot um Boot, nachdem die Insassen herausgeklettert waren, von den Helferinnen und Helfern zügig auf den Rasen getragen wurden, hatte sich rasch eine Warteschlange auf der Lesum gebildet, und nachdem ich mich eingereiht hatte, sah ich auf die Uhr. Ich traute meinen Augen nicht: viereinhalb Stunden für 44 Kilometer! Das Hochgefühl wurde durch die Erkenntnis, dass die meisten anderen ebenfalls eine Stunde früher als gewöhnlich am Ziel waren, nicht getrübt. Im Gegenteil. Ich bin jetzt schon gespannt, wie lange ich das nächste Mal von Nordenham zu TURA-Kanusport brauchen werde.

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