Die Tücken der Gezeiten

Weser-Kurier 25.05.16 Seite 23

Rund 400 Kanusportler kämpfen bei der 28. Bremer Tiden-Rallye mit Wind und Wellen

Von Heinz Fricke

Bremen. Die ersten Kilometer waren die schwersten. „Als wir in Nordenham aus dem Hafen herauspaddelten, kam der Wind direkt von vorne und wir mussten voll durch die Wellen!“ So formulierten es viele der rund 400 Teilnehmer, die zur inzwischen 28. Bremer Tiden-Rallye angetreten waren. Die schwierigen Bedingungen trotz schönsten Wetters führten zu unerwarteten Ergebnissen, das bekam zum Beispiel Andreas Hahn aus Essen zu spüren. Angetreten mit dem Versprechen, als Erster nach 59 Kilometern auf der Weser am Platinziel bei den Kanusportfreunden anzukommen, erwies sich ausgerechnet sein anspruchsvolles Renn-Kajak als Problemfall: „Das passte überhaupt nicht zu diesen Bedingungen. Die Spitze ging immer wieder unter die Wellen, das Boot geriet unter Wasser und ich bin fast abgesoffen“, schimpfte er im Ziel nach fünf Stunden und 42 Minuten. Damit war der Favorit immerhin noch Dritter auf der längsten Strecke dieser Rallye. Gut eine halbe Stunde vor ihm waren der Hamburger Frank Niss und der Emmericher Jörg Zielke angekommen. Beide saßen in deutlich längeren Wander-Kajaks, und die kamen mit dem schwierigen Wasser weitaus besser zurecht.

Kanusport Tidenrallye Ziel beim Wassersportverein Tura an der Lesum © Christian Kosak

Janita Gosting (links) und Inge Voigt-Köhler von den Kanusport-Freunden Bremen steuerten das Gold-Ziel an der Lesum an und testeten gleich mal den Härtegrad der Siegermedaille. (Christian Kosak)

Diese größte Breitensportveranstaltung im deutschen Kanusport, zu der aus ganz Deutschland immer mehr Teilnehmer anreisen, hat ebenso ihre Tücken. Man muss genau einschätzen, wie weit die Kräfte reichen, um rechtzeitig vor dem Wechsel des Gezeitenstroms, der Tide, eins der Ziele zu erreichen. 70 Kanuten steuerten nach 30 Kilometern schon den kleinen Hafen in Neurönnebeck an. Die weitaus meisten, nämlich 270, zogen ihr Boot beim „Gold-Ziel“, dem Bootshafen von Tura an der Lesum an Land, wobei der Bremer Zweier-Kajak mit Augustin/Simonreit am schnellsten war. Bei den Einern war der Bremer Thomas Kittner, der auf den Marathon-Distanzen immerhin schon Europa- und Weltmeister war, überlegen. Nur 35 Teilnehmer hatten die Kondition und den Mut, die 59 Kilometer bis zum „Platin-Ziel“ hinter dem Weserstadion, bei den Kanusportfreunden, durchzuhalten.

„Zum Schluss wurde es verdammt hart. Da habe ich schon gemerkt, dass mir die Tide nicht mehr hilft“, sagte der Hamburger Frank Niss – ein Mann, der in jüngeren Jahren zur deutschen Spitzenklasse der Renn-Kanuten gehörte. Norbert Köhler, Chef der Bremer Kanuten und seit Jahren Organisator der Tiden-Rallye, wusste es noch etwas besser: „Spätestens ab der Schlachte ist die Tide nicht mehr zu spüren. Da muss man gegen das Oberwasser der Weser ankämpfen, denn das fließt nun mal permanent in Richtung Nordsee.“ Wer den unangenehmen Wellen weitgehend ausweichen wollte, wählte einen Kurs dicht am Ufer, musste dafür aber in Kauf nehmen, dass ihm dort die Tide weniger half als den Kanuten, die mehr in der Mitte der Weser den unterschiedlichen Zielen zustrebten.

Einen ruhigen Tag verbrachten die Besatzungen der Begleitboote von DLRG und Wasserschutzpolizei. „Erstmals seit langem gab es keinerlei Probleme. Keine Kenterungen, keine Schwächeanfälle trotz der schwierigen Bedingungen “, freute sich Norbert Köhler.