Den Kuhgrabenweg rauf und runter

WK-31.8.2013-Seite 26-kDie Unentbehrlichen (XXVI): Landestrainerin Ranghild Oetken begleitet ihre Kanuten mit dem Fahrrad

Im Kanu saß sie erstmals vor fast einem halben Jahrhundert. Und ihr Engagement für andere begann vor 40 Jahren: Erst wurde Ranghild Oetken Trainerin, das ist sie immer noch. Inzwischen ist sie auch Vizepräsidentin des Bremer Kanu-Verbandes, im Deutschen Kanu-Verband vertritt sie den Norden. Und zweimal die Woche kümmert sie sich um die Kanu-Talente an der Sportbetonten Schule Ronzelenstraße.
VON HEINZ FRICKE


Bremen. Selbst steigt sie nicht mehr ins Kanu. „Die Jungen würden mir davonpaddeln, die Trainingskontrolle wäre problematisch“, sagt Ranghild Oetken. Doch ihre Fitness stimmt, und das liegt am Trainerjob. Denn gerade in diesen trainingsintensiven Wochen vor der deutschen Meisterschaft im September ist Radfahren angesagt – Ranghild Oetken strampelt vorzugsweise den drei Kilometer langen Kuhgrabenweg rauf und runter, die trainierenden Kanuten fest im Blick. „Vom Fahrrad aus kann ich gerade übers Schilf hinwegsehen, mir entgeht nichts“, sagt sie. Und wenn ihr doch mal für einige Augenblicke die Sicht versperrt ist, helfen die Ohren: „Ich höre die Schlag-Frequenz genau, da kann mir keiner etwas vormachen.“


Der Landes-Kanu-Verband gehört zu den auch überregional erfolgreichsten Sportverbänden in Bremen. „Plaketten bringen wir oft mit“, sagt die Verbandstrainerin Oetken. Plaketten, das heißt: ein Platz auf dem Treppchen. Für ganz oben reicht es nicht, denn „da müssten wir schon Weltmeister und Olympiasieger schlagen“, relativiert Ranghild Oetken. Dennoch wurde mit Marcel Paufler gerade ein Bremer vom Verein Störtebeker zweifacher Weltmeister auf dem Wildwasser. Doch der 18-Jährige startet in dieser Saison für Braunschweig – ein Problem, das für die Bremer Kanuten kein Einzelfall ist: „Viele starten wegen des Studiums oder der besseren Trainingsmöglichkeiten woanders“, sagt Ranghild Oetken und nennt etwa Vizeweltmeisterin Yvonne Schurig, die inzwischen für Österreich paddelt, oder den Neu-Potsdamer Karl Blume.

Keine Zeit für eigenen Urlaub
Sie nennt ihre besten Bremer Kanuten „Freizeit-Leistungssportler“, im Gegensatz zu den bei Bundeswehr oder Polizei beschäftigen Spitzenathleten. „Das sind dort reine Profis.“ Doch zumindest vor großen Prüfungen geht es auch in Bremen professionell zu: Zwölf bis 18 Trainingseinheiten pro Woche bei einem zeitlichen Pensum von 20 bis 24 Stunden verlangt Verbandstrainerin Oetken ihren Schützlingen ab, von den Herren erwartet sie im Vierer und Zweier bei der DM in Hamburg Endkampfplätze. Der Sommer ist also Hauptkampfzeit auch für die Verbandstrainerin, da bleibt wenig Zeit für Freizeit. „Den letzten Urlaub mit der Familie haben wir vor zehn Jahren in Norwegen gemacht“, sagt sie. 
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Doch der Familienfriede ist deswegen nicht gefährdet, aus einem einfachen Grund: Alle sind Wassersportler. Ehemann Klaus segelt, die Kinder Sarah und Fabian haben im Kanu ebenfalls schon ihre Erfolge eingefahren. „Paddeln ist ein Familiensport, die Leidenschaft wird weitergereicht“, sagt Ranghild Oetken und kann neben der eigenen Familien-Geschichte noch etliche weitere Beispiele anführen. Auch wenn es im Moment mit der Vererbung der Kanu-Leidenschaft nicht so recht klappt: „Uns fehlt der Nachwuchs, es gibt zu viele andere Reize für die jungen Leute“, glaubt sie.

Hinzu kommt: Auch erfolgreiche Kanuten können keine Reichtümer erwerben. „Wir sind eine Randsportart“, weiß Ranghild Oetken, „vom Paddeln kann keiner leben.“ Und sie erzählt das Beispiel der Zweier-Weltmeister Raue/Wieskötter. „Als sie nicht mehr ganz oben standen, sind sie sofort aus der Sportförderung hinausgeflogen.“ Also sagt auch Ranghild Oetken all ihren Talenten: „Schule ist wichtiger als Paddeln.“ Und sie ist stolz darauf, etliche Einser-Abiturienten im Kader zu haben, eigene Kinder nicht ausgeschlossen. 

Die Unentbehrlichen: Ohne sie geht meist nichts. Sie sind nahezu unersetzlich in ihren Klubs, ohne selbst an der Spitze zu stehen. Die Rede ist von den unzähligen Männern und Frauen in Bremer Sportvereinen, die in speziellen Funktionen tätig sind, mit denen ihr Name ganz eng verbunden ist. Übungsleiter, Trainer, Ideengeber, Idealisten, kurzum: Menschen, die etwas nachhaltig bewegen. Von ihnen erzählt diese Serie.
 
Quelle: Weser-Kurier 31.07.2013 Hauptteil Seite 26