Auf der Weser wird’s gefährlicher

WK-15.06.2013-Seite 11-Bild 2kMenschen am Fluss (I): Was Kanusportler über die geplante Vertiefung des Gewässers sagen

Am 11. Juli will das Bundesverwaltungsgericht ein Urteil zur Weservertiefung verkünden. Wir haben Menschen entlang des Flusses getroffen, die diesem Tag entgegenfiebern: Gegner wie Befürworter der Vertiefung. Norbert Köhler und Hans-Jürgen Otten sind Kanu-Fahrer. Sie fürchten um ihren Sport, wenn der Fluss ausgebaggert wird. 

VON RALF MICHEL 
Bremen. „Passt auf die Strömung auf“, ruft Hans-Jürgen Otten den Kindern und Jugendlichen hinterher, die an der Rampe des Kanuclubs Rönnebeck ihre Boote ins Wasser schieben. Wovon redet der Mann? 22 Grad, strahlend blauer Himmel. Kein Lüftchen weht, die Weser fließt scheinbar gemächlich dahin. Gibt es bessere Bedingungen für eine kleine Paddeltour?Doch die Warnung des Vereinschefs kommt nicht von ungefähr. Kaum sitzen Tina Klaus und Luca Wella in ihrem Boot, wird es schon ein paar Meter von der Anlegestelle abgetrieben. Und genau darum geht es bei der Kritik der Kanuten an der Weservertiefung: „Die Fließgeschwindigkeit wird noch mehr zunehmen“, erwartet Otten. „Die Weser wird deutlich schneller abfließen. Für die Kleinen, die noch nicht so viel Druck aufs Paddel bringen, wird’s dann langsam eng.“ 
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Angst vorm Kentern

Für ihre erwachsenen Betreuer auch: „Als verantwortungsvolle Fahrtenleiter müssen wir dann künftig wohl häufiger mal sagen, dass wir es lieber bleiben lassen, weil es zu gefährlich wird“, meint Otten. Nicht nur wegen der überforderten Oberarme der Nachwuchskanuten. „Wenn Strom und Wind gegeneinander arbeiten, bilden sich kurze, steile Wellen mit Schaumkronen. Dadurch wird die Gefahr des Kenterns größer.“ 

WK-15.06.2013-Seite 11-Bild 3Auch an den Ufern mache sich der Wandel längst bemerkbar, sagt Norbert Köhler, Präsident des Landes-Kanu-Verbandes. „Sandstrände werden immer seltener, und die Verschlickung nimmt zu, besonders in den Nebenarmen der Weser.“ Eine weitere Einschränkung für die Freizeitsportler: „Wir sind immer mehr auf künstliche Aussteigemöglichkeiten angewiesen.“ Die Bedeutung der Weser für Erholung und Freizeit ginge mit einer noch höheren Fließgeschwindigkeit Stück für Stück verloren, betont Köhler. Wanderpaddeln als Familiensportart würde zunehmend erschwert, ein Naturerleben auf der Weser wäre für Kinder kaum noch möglich. 

Für die Argumentation der Vertiefungsbefürworter, eine höhere Fließgeschwindigkeit bringe keine Beeinträchtigungen mit sich, haben die Kanusportler nur ein Kopfschütteln übrig. Früher habe die Weser sieben Stunden lang auflaufendes Wasser gehabt und fünf Stunden, in denen das Wasser wieder abgelaufen sei, erzählt Köhler. Heute laute das Verhältnis acht zu vier. Es gab Zeiten, da habe der Tidenhub, also der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, der Weser in Bremen gerade mal 50 Zentimeter betragen. „Heute liegt er am Weserwehr bei über vier Metern.“ 

Eine Vertiefung werde die Rahmenbedingungen für den Kanusport weiter verschlechtern, fürchten Otten und Köhler. Dabei befinde man sich ohnehin schon in der Zange zwischen Wasserwirtschaft und Naturschutz. „Wir sind am Ende nirgendwo mehr gewollt“, ärgert sich Köhler mit Blick auf die für Paddler gesperrten Bereiche in den Nebenflüssen der Weser. 

Wenn Köhler von „wir“ spricht, meint er 37 Vereine mit insgesamt etwa 2300 Mitgliedern, die dem Bremer Landes-Kanu-Verband angehören. Auch Carsten Klaus gehört zum Kanuclub Rönnebeck. Allerdings paddelt er nicht, sondern ist mit einem kleinen Motorboot auf der Weser unterwegs. Die stärkere Strömung infolge einer Vertiefung bereitet ihm keine Sorgen, sagt er. Wohl aber, dass dadurch das Wasser wesentlich tiefer ablaufen werde. Manche der kleineren Seitenarme wie Wümme oder Ochte seien schon heute stellenweise so flach, dass man mit den Booten auf Grund laufe. 

WK-15.06.2013-Seite 11-Bild 4Schwieriger dürfte zudem das Auf- und Abslippen der Boote werden, erwartet Carsten Klaus. Derzeit ist der Wasserstand im Wechsel von Ebbe und Flut an der Rampe des Vereinsheims sechs Stunden lang zu niedrig, um dort Motorboote in die Weser zu setzen oder sie wieder rauszuholen. „Dieser Zeitraum wird nach der Weservertiefung länger“, ist Klaus sicher. Mit einer längeren Rampe wäre das auszugleichen. „Dazu haben wir im Verein aber nicht die finanziellen Möglichkeiten.“ Für den Motorbootfahrer wäre dies ein Ansatz für einen Kompromiss. „Wieso kann man bei dem millionenschweren Aufwand, der für die Vertiefung betrieben wird, nicht einmal nachfragen, wer Nachteile dadurch hat, und dafür einen Ausgleich schaffen?“