„Wir müssen umdenken“

Präsident des Deutschen Kanu-Verbands will bei der Talentsuche neue Wege gehen

WK-07-03-2013-Seite 27-kDie deutschen Kanuten sind bei den Olympischen Spielen Garanten für Medaillen: In London im vergangenen Jahr holten sie drei Mal Gold, zwei Mal Silber und drei Mal Bronze. Thomas Konietzko ist als Präsident des Deutschen Kanu-Verbands derzeit auf Informationsreise und war auch im Bremer Kanu-Club Rönnebeck zu Gast. Stefanie Grube sprach mit ihm über mögliche neue Olympia-Disziplinen.

 

 

Herr Konietzko, das Internationale Komitee der Olympischen Spiele hat im Februar darüber diskutiert, Kanu als Sportart auszuschließen. Dazu ist es nicht gekommen – aber sehen Sie seitdem die olympischen Kanu-Disziplinen bedroht?

Thomas Konietzko: Nein. Natürlich waren wir überrascht, dass Kanu auf der Liste stand, weil wir vieles richtig gemacht haben in der Vergangenheit und unser Programm geändert haben. Aber nach dieser Entscheidung bin ich auch davon überzeugt, dass auch in unserer Sportart nichts mehr so bleiben kann, wie es war und es keine Denkverbote geben kann bei der zukünftigen Gestaltung. Ich erkenne schon Schwachpunkte. Das ist zum Beispiel die Geschlechterungleichheit bei Wettbewerben. Das heißt, dass wahrscheinlich 2020 die Disziplin Kanadier Frauen in das olympische Programm kommen könnte – worauf wir uns jetzt schon einstimmen müssen. Denn die, die dort starten, sind heute 13, 14 Jahre alte Mädels. Die müssen wir jetzt für den Sport begeistern.

Wie machen Sie das?
Da haben gerade auch die Landes-Verbände eine Chance. In dieser Disziplin fangen ja alle Vereine bei null an und da liegt es an ihnen, junge Mädchen, die bis jetzt vielleicht nur Kajak gefahren sind, mal Kanadier ausprobieren zu lassen. Wir haben in Deutschland keine Kultur, keine Tradition im Kanadier-Frauen-Bereich, wohingegen andere Ländern deutlich weiter sind.

Sie haben nach den Olympischen Spielen in London gesagt, Sie hoffen, dass die Halbwertzeit des Ruhms der Kanu-Athleten ein bisschen länger als sonst andauert. Und, hat sie?WK-07-03-2013-Seite 27
Na ja, im Vergleich zu vergangenen Spielen ist die Halbwertzeit schon deutlich länger. Wir merken, dass im deutschen Sport viel diskutiert wird, was das Erfolgsgeheimnis der Kanuten ist. Wo allerdings sich die Halbwertzeit nicht so bemerkbar macht, ist im Bereich der Sponsoren. 

Gehört zu Ihren Erfolgsgeheimnissen auch die Konzentration auf wenige Kanu-Leistungsstandorte in Deutschland?
Wir haben die ehrenamtliche Basis, die Kinder für den Leistungssport begeistert und sie irgendwann abgibt an den professionellen Bereich in die Leistungszentren. Also die besten Zentren würden uns nichts nützen, wenn wir nicht so viele Engagierte in den Vereinen hätten, auch hier in Bremen. Wir hatten immerhin im vergangenen Jahr bei deutschen Meisterschaften Medaillengewinner aus Bremen. Dieses Zusammenspiel zwischen Ehrenamt und Hauptamt – und dann natürlich die Zentralisierung dort, wo die besten Bedingungen von uns geschaffen werden können: Das sind die Geheimnisse des Erfolgs.

Wie schafft man diese gute Atmosphäre zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen?
Indem ich zum Beispiel in allen Bundesländern unterwegs bin, um aufzunehmen, was die Basis denkt. Wir im Verband müssen natürlich harte Überzeugungsarbeit leisten, dass ein Verein aus Bremen oder aus Niedersachsen seine besten Sportler dorthin gibt, wo sie eventuell später Ruhm erlangen. Und wir müssen auch darüber diskutieren, dass die Vereine, die ihre Sportler abgeben, auch etwas davon haben.

Fehlen Ihnen denn an der Basis Leute? 
Jein. 
Also erst einmal sind wir einer der wenigen Sportverbände, die wachsen. Aber natürlich übernimmt heute nicht mehr jemand mit 16 Verantwortung im Verein, arbeitet mit 25 im Vereinsvorstand und macht mit 40 im Landesverband weiter. Die Leute sind heute einfach durch die Mobilität und Flexibilität, die die Gesellschaft fordert, nicht immer in der Lage, langfristig Vereinsaufgaben zu übernehmen.

Okay, und wie lautet Ihr Plan?
Wir müssen Leute für einzelne Projekte begeistern, und auch akzeptieren, dass die in drei, vier Jahren wieder andere Schwerpunkte im Leben setzen. Das heißt auch, dass wir umdenken müssen.

Was bedeutet das in Zukunft für die Trainer? Die werden vielleicht auch weniger.
Wir müssen mehr Leute ausbilden. Haben wir früher zwei ausgebildet und wussten, dass die zehn oder 20 Jahre bleiben, müssen wir heute zehn ausbilden. Und wir müssen Strukturen schaffen, sodass morgen zwei und übermorgen dann zwei andere sich im Prinzip die Arbeit teilen. Wir müssen Ehrenamtlichen die Angst nehmen, dass sie aus ihrem Engagement nicht ohne schlechtes Gewissen scheiden können. Also Arbeitsteilung, Projekte über einen gewissen Zeitraum, die irgendetwas bewegen, was Ausstrahlung über den Verein hinaus hat.

Kanu-Wandern ist ein sehr beliebter Freizeitsport – würden Sie von einer Trendsportart reden?
Kanu-Freizeitsport ist im Kommen. Heute paddeln in Deutschland eine Million Menschen regelmäßig und vier Millionen gelegentlich. Wir werden sensibler für unsere Natur. Das führt uns auch in unserer Freizeit mehr aufs Wasser. Wir werden ein Trendsport der Zukunft sein, da bin ich mir eigentlich ziemlich sicher.
 

Quelle: Weser-Kurier-07.03.2013 Seite 27 Stefanie Grube