NOTFALLMANAGEMENT im Kanusport

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eine Veranstaltung des LKV Bremen

 Kanusport umfasst ein breites Spektrum, und beim Blick auf die damit verbundenen Gefahren rückt zweierlei in den Vordergrund: die Ausbildung im Wildwasser beziehungsweise auf Großgewässern und die Wanderfahrt.

Ausbildung im Kanusport ist mit Risiken verbunden, und darum ist die Teilnahme an solcher Veranstaltung Bestandteil der Übungsleiterausbildung. Mit „Wanderfahrt“ wird Vielerlei verbunden; das Spektrum reicht von „oh ja!“ bis „mach ich sowieso nicht“, und „Notfall“ kommt darin erst einmal nicht vor. Klar ist jedoch:

Übungs- und Fahrtenleiter müssen eben diesen als möglicherweise auftretend in der Planung berücksichtigen und dafür mit Kenntnissen, Fähig- und Fertigkeiten gerüstet sein.

Damit ist die primäre Zielgruppe schon mal beschrieben, aber auf sie beschränkt sich meinem Eindruck nach diese Fortbildung durchaus nicht.

Denn das Gros der Wanderfahrten findet meiner Beobachtung nach in kleinen Gruppen ohne ausgewiesenen Fahrtenleiter statt, und wenn dann ein Notfall eintritt, sollte möglichst jede und jeder wissen, was wie zu tun ist. Medizinische Notfälle unterwegs werden angesichts des zunehmenden Alters vieler Wanderfahrer immer wahrscheinlicher, und aus dieser Überlegung heraus habe ich mich angemeldet und mir ausgebeten, auf dem Wasser nicht dabei sein zu müssen. Das wurde bereitwillig akzeptiert. Die geringe Zahl der anderen pünktlich erschienenen und gut ausgerüsteten Teilnehmer hat mich dann doch erstaunt.

Ist der notfallbezogene Wissensstand im LKV Bremen derart hoch?  

Oder ist die geringe Anzahl Anmeldungen vielleicht den in der Anlage zur Ausschreibung  aufgeführten Teilnahmeanforderungen geschuldet, bildet womöglich die e-Mail-Anmeldung eine schwer zu überwindende Hürde, oder (ver)führen die bisherigen Erfahrungen von Fahrten- und Übungsleitern dazu, den Fortbildungsbedarf zu dieser Thematik zu unterschätzen?

Ich kann diese Fragen nicht beantworten, weil ich als Einzelmitglied in kein Vereinsleben eingebunden bin.    

Die behandelten Themen sind schnell aufgezählt:

Gruppenorganisation im Notfall, Notruf, Unterkühlung infolge Kenterung,

Ertrinken  durch den Kälteschock.

Bei Notfällen

muss die Gruppe anhand der nun zu bewältigenden Aufgaben neu organisiert, und der folgende Ablauf strukturiert werden. Die oder der Erfahrenste übernimmt die Regie, erörtert kurz das weitere Vorgehen und weist den anderen Gruppenmitgliedern ihre Aufgaben zu:

-          Eines hält den Kontakt zum Opfer durch Ansprache und/oder alles, was allein zu bewältigen ist,

-   eines übernimmt die Kommunikation mit Rettungskräften und/oder weiteren Helfern,

-          ein oder mehrere Spezialisten werden mit ihren Kenntnissen und Fertigkeiten tätig. (medizinische Erstversorgung, Ortskenntnisse etc.)

Insbesondere zum Notruf haben wir Interessantes erfahren:

   -   Die einzige europaweit funktionierende Notrufnummer lautet 112.

  -   Die Einsatzzentrale beendet das Telefonat.

  -   Der Anruf landet stets in der nächstgelegenen Einsatzzentrale.

Das ist relativ neu. Die bei medizinischen Wassersportnotfällen von Vielen als überall zuständig angesehene DGzRS-Zentrale anzurufen ist nur bedingt hilfreich. Im ungünstigsten Fall wird so wertvolle Zeit vertan.  

Ebenfalls wichtig zu wissen:

-          Die Navigationssysteme des Rettungsdienstes an Land orientieren sich an amtlichen Straßenbezeichnungen bzw. Straßennamen.

Es ist nicht davon auszugehen, dass GPS-Angaben in WGS 84 für den Rettungsdienst von Wert sind. Zur Fahrtenplanung gehören demnach unbedingt auch Kartenausschnitte mit namentlich ausgewiesenen ufernahen Straßen!

Unterkühlung  kann als Folge einer Kenterung auftreten, und wie so etwas in der Praxis aussieht, wurde im beeindruckend mutigen Selbstversuch bei  12 ° C Wassertemperatur und Wind der Stärke 1 demonstriert. Das gekenterte Opfer war der Lufttemperatur entsprechend bekleidet; ganz so, wie es bei den typischen Wanderfahrern üblich ist, und trug eine Schwimmhilfe. Die mühevolle Bergung zeigte, dass dafür mindestens DREI weitere Boote notwendig sind, und weil es am Unfallort keine Möglichkeit zum Anlanden gab, musste ein Teilnehmer die anderen drei Boote etwa 2 Kilometer schleppen, bevor überhaupt weitere Maßnahmen möglich wurden. Mit drei Booten im Schlepp – wie schnell kann man da fahren?      

 Kälteschock und  Ertrinken stehen in engem Zusammenhang, auch das wurde ausführlich darlegt.

Kurzum: es war ein ebenso interessanter wie lehrreicher Sonntag.

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Als Konsequenz aus dem Erlebten und Erfahrenen ergeben sich für mich ganz persönlich die folgenden Richtlinien für Gruppenfahrten:

-         Alle Teilnehmer tragen Schwimmhilfen oder Rettungswesten.

-         Die Gruppengröße sollte möglichst 4 erwachsene Teilnehmer nicht  

          unterschreiten,

-         alle Teilnehmer sollten Grundkenntnisse in Erster Hilfe haben,

-         spezielle Kenntnisse /Fertigkeiten der Teilnehmer sollten bekannt sein,

-         die Bekleidung muss den Bedingungen (Differenz Wasser-/Lufttem- 

          peratur, Wind) entsprechen,

-         angepasste Notfallausrüstung muss mitgeführt werden, 

-         ufernahe Straßenbezeichnungen müssen für die gesamte Route bekannt

          sein,

-         jeder Teilnehmer muss außer der Versichertenkarte der Krankenkasse  

          Notfallinformationen für Behandelnde an bekanntem Ort (Brieftasche)

          mitführen, die folgendes enthalten:

              -  einen telefonisch erreichbaren Ansprechpartner,

              -  die Entbindung der Behandelnden von der Schweigepflicht ihm/ihr gegenüber           

              -  Namen und Telefonnummer des Hausarztes,

              -  regelmäßig eingenommene Medikamente,

              -  ggf. das Vorhandensein einer Augenprothese.

              -  Das Ganze mit Datum versehen und mit Vor- und Zunamen             

                 eigenhändig unterschrieben.

-         In jeder Gruppe muss vor Fahrtantritt eine Liste mit den Kontaktdaten   

     aller Teilnehmer angelegt werden, damit die Kontaktpersonen ggf. vorab  

     informiert werden können.

Mit herzlichem Dank an den Referenten Christoph Sowa und die Kameraden

Jürgen vom KCH sowie   Tobias und Mirco vom WVW

                                               Jan